Wenn Music-Streaming auf Rohöl trifft

Wenn Music-Streaming auf Rohöl trifft

von 12. Februar 2019

Wie hören Sie Musik? Streamen Sie? Oder gehören Sie wie ich zu den old-fashioned Freaks, die doch gerne nochmal eine Schallplatte auflegen? Die Digitalisierung der Musik hat eine ganze Branche zu einem drastischen Umbruch gezwungen, die sich mit neuen Geschäftsmodellen, allen voran dem Streaming, in den letzten Jahren wieder zu einem Wachstumsmarkt entwickelt hat. Auch wenn retro mittlerweile wieder modern ist, werden die Schallplatten wohl nicht mehr über ihr Nischendasein hinauskommen.

Erinnern wir uns einmal ein wenig zurück: Zunächst erfreuten sich Filesharing-Dienste großer Beliebtheit. Diese machten es möglich, die digitalen Musiktitel direkt zwischen den Teilnehmern zu tauschen. Bei diesen sogenannten Peer to Peer Systemen (P2P) stellen sich die Nutzer ihre vernetzten Rechner nebst ihren Berechnungsressourcen untereinander zur Verfügung. So kann jeder Dateien direkt vom Rechner des Partners herunterladen, ohne dass ein zentraler Server dazwischen geschaltet ist. Dabei ist es egal, ob der Partner im Nebenraum oder am anderen Ende der Welt sitzt. Grundsätzlich war – und ist das eine schöne Sache, wären da nicht die Urheberrechte und die darauf spezialisierten Anwälte. Mit den rechtlichen Angelegenheiten und der Verteilung der Tantieme dürfen sich nun vorrangig die Streamingdienste oder sonstigen Vermittler digitaler Musiktitel auseinandersetzen. Mit dem Ergebnis, dass viele Stationen notwendig sind, bis das Geld endlich die hoffentlich richtigen Stellen erreicht.

Hätte es da nicht einen gewissen Charme, die Musik direkt vom Künstler zu beziehen und ihn sowie alle Beteiligten schnell und gerecht zu entlohnen? Gerade bei diesem ziemlich intransparenten Markt mit zig vermittelnden Instanzen? Aber dazu müsste automatisiert ein direkter, rechtssicherer Vertrag zwischen beiden Instanzen geschlossen werden. Gar nicht so einfach, wenn gar nicht bekannt ist, wie viele Künstler mit wie vielen Musikliebhabern in Verbindung treten. Und wie sieht es gar mit deren Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit aus? Kurzum: Wie lässt sich die Integrität eines solchen Softwaresystems sicherstellen?

Die Blockchain

Einen wichtigen Beitrag hierzu kann die Blockchain liefern. Meist wird diese in einem Atemzug mit Kryptowährungen, allen voran der Bitcoin genannt. Doch die Blockchain lässt sich wesentlich universeller einsetzen. Nämlich immer genau dann, wenn eine fälschungssichere Speicherung von Transaktionen, also dem Übertrag von Eigentum, notwendig ist. Derzeit sind hierzu vermittelnde Instanzen wie beispielsweise Banken oder Notare, im Falle der Musikindustrie beispielsweise Plattenlabels und die Streamingdienste notwendig. Dadurch dass alle Transaktionsdaten innerhalb eines Peer-to-Peer-Netzwerks in einer verteilten Datenbank bei jedem Nutzer gespeichert sind, ohne dass sie im nachhinein geändert werden können, ist diese Datenbank (nahezu) fälschungssicher. Vermittelnde Instanzen werden hierdurch überflüssig, Geschäftsprozesse flexibler, schneller und transparenter. Manch ein Experte schreibt der Blockchain bereits ein höheres revolutionäres Potenzial als der Entwicklung des Internets zu.


Neue Geschäftsmodelle

Kein Wunder also, dass in allen Bereichen der Wirtschaft Ideen für neue Geschäftsmodelle entwickelt und getestet werden. So verkündete die Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC) kürzlich in einer Pressemitteilung die Zusammenarbeit mit IBM. Die in einem Pilotprojekt entwickelte Plattform ermöglicht es, den Wert und Weg eines jeden Tröpfchens Öl über die gesamte Wertschöpfungskette zu verfolgen. Jegliche Transaktionen von der Quelle bis zum Endverbraucher werden dokumentiert und stehen allen Parteien uneingeschränkt zur Verfügung. ADNOC und IBM versprechen sich hiervon eine höhere Transparenz zwischen den Stakeholdern, eine drastische Reduzierung der Transaktionsdauer und eine Effizienzsteigerung über die Wertschöpfungskette.

Die Plattform VAKT konzentriert sich auf den Handel mit Energierohstoffen. Angefangen beim Rohöl hat sie sich das Ziel gesetzt, den gesamten Handel basierend auf dem Blockchain-Konzept sukzessive zu digitalisieren. Die Ausgangslage ist günstig und ähnlich unübersichtlich wie die Vermarktung von Musik. Am Handelsprozess sind viele Instanzen beteiligt: die Produzenten, Kunden und Banken, aber auch Zwischenhändler und Behörden. Dieses hat einen komplexen Abstimmungsprozess zur Folge, der nicht selten über Landesgrenzen hinausgeht. Viele dieser Prozesse sind noch heute papierbasiert, was entsprechend zu einer hohen Fehleranfälligkeit durch fehlende Transparenz führt.

 

VAKT’s Mission from Chris Middleton on Vimeo.

Die Resonanz auf die Plattform ist entsprechend groß. Namhafte Energie-Unternehmen wie BP, Enquinor, Shell, Gunvor und Mercuria sind bereits an Bord. Ebenso einige Banken, darunter ABN Amro, Ing und Société Générale und Händler wie Koch Supply & Trading.

„Aber das ist erst der Anfang: Der Erfolg einer Blockchain-Lösung hängt von einer breiten Akzeptanz ab und wir freuen uns darauf, das Ökosystem wachsen zu sehen.“
Interims-CEO John Jimenez

Yokogawa Blockchain LifeSciences BearingPointKommt die Revolution?

Die chemische und pharmazeutische Industrie ist traditionell ein eher konservativer Zweig, der Neuerungen zunächst beobachtend gegenübersteht. Eine Studie von BearingPoint zeigt aber, dass viele Unternehmen das Thema bereits aufgegriffen haben oder es in naher Zukunft aufgreifen werden. Das revolutionäre Potenzial sehen allerdings noch wenige, denn fast 60 Prozent der Befragten vermuten nachhaltige Änderungen eher in ausgewählten Prozessen, wohingegen ganzheitliche Veränderungen nur deren 11 Prozent erwarten. Höhere Transparenz, effektivere Prozesse und Kosteneinsparungen sind aber starke Faktoren, die für die Etablierung der Blockchain sprechen. Ob Evolution oder Revolution – wir können gespannt sein, wie sich der Markt entwickelt.


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