Zur Sache, bitte!

Zur Sache, bitte!

Feinstaub durch Silvesterböller, die dunkle Seite des Mondes, Hacker hacken auf Politikern rum – das sind die Schlagzeilen, die einem am Ende des alten und zu Beginn des neuen Jahres entgegenschlugen. Die Diskussion um die Kracher am Jahresende entbrennt mit zuverlässiger Regelmäßigkeit. Die Ablehner argumentieren mit Gefahr, Geldvergeudung und Umweltverschmutzung. Rund ein Fünftel des jährlichen Feinstaubs entfällt demnach auf die Knallerei um Mitternacht. Privates Feuerwerk gehöre verboten. Die Befürworter halten dagegen: Genau darin liege der Reiz, Böllern sei zwar Verschwendung, die Luft belastet, die Gefahr ganz und gar unvernünftig, aber Gesellschaften bräuchten eben genau solche Rationalitätslöcher. Ich für meine Person habe mit einer Flasche Schampus Stellung bezogen. Wenn überhaupt, so schadet die nur mir, und ganz ohne traditionellen Ritus geht es eben nicht. Der Homo sapiens braucht seine Gewohnheiten.

Tempo der Veränderungen kann verunsichern

Der Mensch tat und tut sich mit Veränderungen oftmals schwer. Als König Ludwig XIV im 17. Jahrhundert die Straßenlaternen einführte, wehrten sich die Bürger und zerstörten viele dieser nächtlichen Lichtspender. Vermutlich protestierten sie gegen den Verlust ihrer Privatsphäre. Oder aber der Mensch reagiert(e) auf unbeaufsichtigt in der Gegend herumstehende Neuerungen generell aggressiv. Die Deutsche Bahn jedenfalls erklärte das Nachlassen des anfänglichen Vandalismus an ihren auffälligen Leihfahrrädern damit, die Einwohner hätten sich „an den Anblick der Räder gewöhnt”. Dieses und ähnlich vergnügliche Beispiele liefert Kathrin Passig in ihrem Aufsatz über die Standardsituationen der Technologiekritik.

Heute ist es eher das Tempo der Veränderungen, das verunsichert. „AlphaFold“ ist dafür ein exzellentes Beispiel, auch wenn der tatsächliche Knall dieser Wissenschaftsbombe kaum (Schall-)Wellen zu schlagen scheint: Ein Modell aus künstlichen neuronalen Netzen erringt den ersten Platz bei einer renommierten Bewertung von Programmen zur Proteinstruktur-Vorhersage. Dazu muss man wissen, was auch Jaromir Konecny weiß – und in seinem Wissenschaftsblog weiterdenkt:Die 3-D-Struktur eines Proteins ist der Heilige Gral der Molekularbiologie und der Bioinformatik. Wenn wir wissen, welche Gensequenzen zu welchen Proteinstrukturen führen, können wir besser die Biologie der Organismen verstehen und viele Krankheiten heilen. Doch nicht nur das! Dann können wir auch gezielt Protein-Werkzeuge für zahlreiche andere Anwendungen bauen: Richtig entworfene Proteine zerlegen Plastik und Öl. Was würden solche Werkzeuge für den Klimaschutz bedeuten?“

Digitale Transformation krempelt die Welt um

Das Programm AlphaFold wurde nicht etwa von einem Pharmariesen oder einem akademischem Biochemieinstitut entwickelt. Das Projekt stammt von DeepMind, einer Google-Firma. Das Rätsel, das Bioinformatiker und Molekularbiologen seit einer halben Ewigkeit lösen wollen, wird jetzt von einem High-Tech-Unternehmen dechiffriert, das sich auf die Programmierung Künstlicher Intelligenz spezialisiert hat und das noch vor kurzem mit Biochemie nichts am Hut hatte. Und das nach nur zwei Jahren Arbeit.

Es ist die digitale Transformation, die unsere Welt umkrempelt. Dabei geht es nicht um neue Lösungsvarianten für alte Problemstellungen, sondern um essentielle Veränderungen in den – bisher gelernten – Denk- und Handlungsmustern der Menschen und in ihrem Kooperationsvermögen. An der Entwicklung von AlphaFold waren Molekularbiologen, Physiker und Experten für maschinelles Lernen beteiligt.

Ziehen wir alle Register, nutzen wir unsere Fantasie, denken wir out-of-the-box, denken wir groß. Multi- und interdisziplinär zusammenarbeiten, das können wir. So führen wir  bei Yokogawa unter anderem Data-Science-Projekte durch. Hier sind es aller guter Dinge drei: Prozessverständnis, (die richtigen) Daten sowie die entsprechenden Methoden (KI).

Über den Mond zum Mars

Wenn wir zum Mond reisen können, dann können wir auch die digitale Schwerkraft auf unserem Globus lenken. Und der Mond ist vermutlich nur Zwischenstation zum Mars… Derzeit wird aber erst einmal die Rückseite des Mondes erkundet: Seit dem 3. Januar rollt Chinas „Jadehase 2“ über die schattige Seite und sammelt Daten. Die langfristigen Pläne scheinen sich aber der menschlichen Überlebensform auf dem Planeten zuzuwenden, so jedenfalls lässt es sich erklären, dass Chinas Sonde nicht nur ein Roboterfahrzeug, sondern auch Saatgut im Gepäck hat. Ob die niedrige Schwerkraft der Mondoberfläche den Gemüseanbau zulässt? Das Mondfieber ist jedenfalls ansteckend. Eine Gruppe aus Berlin plant für dieses Jahr die erste privat finanzierte Mondmission, und zwischen Europa, den USA, Kanada, den Japanern und den Russen gedeihen Pläne für eine Raumstation, die um den Mond fliegt. Bei diesem Gemeinschaftsprojekt ist eines sicher: Die Länder wollen Rohstoffe auch außerhalb der Erde schöpfen. Die Liste allein der Metalle, die auf dem Mond in größerer Menge vermutet werden, ist lang. Hinzu kommt Helium-3, ein leichtes Edelgas, das viel Energie verspricht. Ist das noch Zukunftsmusik, die Ökonomisierung der Raumfahrt, die Nutzung kosmischer Rohstoffquellen? Ja. Aber Musik und Mathematik sind enge Verwandte, und die Exponentialfunktion ist eine nicht weit entfernte Cousine. Wir dürfen gespannt sein.

IT-Sicherheit ist und bleibt ein wichtiges Gut

Solange aber bleiben wir gern mit beiden Beinen auf dem Boden –  auch wenn der gerade wackelt, jedenfalls für Hunderte von deutschen Politikern und Prominenten. Sie waren Zielgruppe des jüngsten Hackerangriffs, bei dem massenhaft persönliche Daten der Betroffenen veröffentlicht wurden. Die Erkenntnis, dass kein terroristischer Hintergrund, kein Politaktivist, sondern die Befindlichkeit eines 20-jährigen Einzeltäters den Stein ins Rollen brachte, macht die Cyberattacke nicht weniger harmlos. Im Gegenteil. Dieser Zwischenfall verdeutlicht einmal mehr: IT-Sicherheit ist ein wichtiges Gut – in der Privatsphäre, in Ihrer Produktion und letztlich für unsere Freiheit.

Ein neues Jahr bringt neue Gedanken mit sich und hält womöglich auch neue Wege zum Ziel bereit. Ich wünsche Ihnen ein frohes und glückliches Jahr 2019, eines, das Sie mit guter Gesundheit sicher und mit größter Sicherheit gesund nach vorne blicken lässt.

Herzlichst 

Andreas Helget


Zu Kolumne 1: Über die Wasserelektrolyse

Zu Kolumne 2: Circular Economy

Zu Kolumne 3: Nachhaltigkeit